Früherkennung:
„Mann ist nicht krank“
Die Angst des Mannes vor dem Arzt, die Bedeutung des PSA-Werts – und ein altes Ammenmärchen
Interview mit Professor Paolo Fornara, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Urologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Herr Professor Fornara, warum gehen nur 16 bis 20 Prozent der Männer zur Früh erkennung?
Hauptsächlich, weil sie nicht daran denken. Außerdem herrscht bei vielen immer noch die Ansicht: Mann ist nicht krank. Vor allem jedoch wegen der nicht gerade attraktiven digital-rektalen Diagnostik, der Prostata-Tastuntersuchung mit dem Finger über den After. Viele Männer finden das erniedrigend oder beschämend, unappetitlich und abstoßend.
Wer sollte zur Früherkennungsuntersuchung gehen?
Grundsätzlich alle Männer ab dem 50. Lebensjahr. Risikopatienten allerdings schon ab dem 40., spätestens ab dem 45. Lebensjahr, also Männer, deren Vater, Onkel oder Großvater ein Prostatakarzinom hatte oder hat. Je nach Statistik liegt für sie das Risiko fünf- bis elfmal höher als in der männlichen Normalbevölkerung. Eine weitere Risikogruppe bilden Übergewichtige mit einem Body-Mass-Index ab 35. Auch Männer, die einen niedrigen Spiegel freien Testosterons aufweisen, können gefährdet sein. Geschlechtliche Aktivitäten spielen nach heutigem Forschungsstand keine Rolle.
Was wird bei der gesetzlichen Prostata-Untersuchung gemacht?
Es handelt sich nicht speziell um eine Krebsfrüherkennungsuntersuchung der Prostata, sondern um die „Früherkennung beim Mann“. Neben dem digital-rektalen Abtasten der Prostata überprüft der Arzt den Darm auf Anzeichen für Krebs. Er inspiziert den gesamten Patienten und achtet auf mögliche Hautveränderungen.
Bei der Tastuntersuchung lässt sich ein Karzinom nur schwer feststellen. Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es außerdem?
Die Bestimmung des PSA-Werts im Blut. Weil aber jeder Mann über dieses prostataspezifische Antigen verfügt – der eine mehr, der andere weniger –, handelt es sich nicht um einen Tumormarker, sondern um einen Organmarker. Bei einem niedrigen Wert ist ein Karzinom eher unwahrscheinlich, bei einem hohen ziemlich sicher; dazwischen befinden wir uns in einer Grauzone. Weil es keinen verbindlichen Grenzwert gibt, hat man sich auf 4 Nanogramm pro Milliliter Blut geeinigt. Unser Hauptaugenmerk legen wir jedoch auf die Veränderung in der Zeit: Steigt der Wert rasch an, kann das, unabhängig von seiner Höhe, ein Hinweis auf einen Tumor sein. Die Bestimmung der PSA-Anstiegsgeschwindigkeit wollen wir nächstes Jahr in unsere Leitlinien aufnehmen.
Was zahlt die Krankenkasse?
Die Früherkennung beim Mann übernimmt die Kasse, dafür fallen auch keine Praxisgebühren an. Den PSA-Test zahlen die gesetzlichen Krankenkassen bislang nur bei begründetem Verdacht. Aber weil der PSA-Wert das Beste ist, was wir haben, plädieren wir dafür, ihn als Standard mit in die Früherkennungsuntersuchungen aufzunehmen.
Was passiert bei verdächtigen PSA-Werten?
Dann sollte eine Stanzbiopsie gemacht werden. Mit einer feinen Nadel, ultraschallgesteuert, entnimmt der Arzt vom After aus an verschiedenen Stellen der Prostata acht bis 14 Proben. Das hört sich schlimmer an, als es ist – die Proben sind nur einen zehntel Millimeter dünn und einen bis anderthalb Zentimeter lang. Sie werden in der Pathologie untersucht. Das mögliche Spektrum reicht von Krebsvorstufen, die eine weitere Stanzbiopsie erforderlich machen, bis zu extrem bösartigen Karzinomen. Je nach Diagnose entscheiden Arzt und Patient, ob behandelt werden muss und, wenn ja, wie.
Kann eine gutartige Vergrößerung in Prostatakrebs umschlagen?
Das ist ein Ammenmärchen, wir haben es mit zwei völlig verschiedenen Krankheitsbildern zu tun.
Adressen
Krebsinformationsdienst (KID)
t. Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
www.krebsinformation.de
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Tel. für krebsbezogene Anfragen: 08 00/4 20 30 40 (Anrufe aus dem dt. Festnetz gebührenfrei)
Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e. V.
Alte Str. 4
30989 Gehrden
www.prostatakrebs-bps.de
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Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
www.bzga.de
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